- Deutschland mit zweithöchstem hitzebedingten Verlust an Wirtschaftsleistung in Europa 2026
- Nord- und Osteuropa erwärmen sich besonders stark in vergangenen Jahrzehnten
- El Niño könnte 2027 weltweit 451 Milliarden US-Dollar Wirtschaftsleistung kosten
- Anpassung und Prävention werden zum Schlüssel für wirtschaftliche Resilienz
Hamburg, 24. September 2026 – Extremwetterereignisse wie Hitze verursachen zunehmend erhebliche wirtschaftliche Kosten. Zu diesem Ergebnis kommt die jüngste gemeinsame Studie von Allianz und Allianz Trade. Der erstmals veröffentlichte und künftig jährlich erscheinende „Allianz Climate Risk Tracker“ analysiert mit zwei neuen Indikatoren, dem Climate Change Score und dem Climate Stress Score, wie stark sich das Klima einzelner Länder bereits verändert hat und wie hoch die aktuelle physische Klimabelastung ist . Zudem berechnet die Studie die konkreten wirtschaftlichen Einbußen durch die Hitzewellen 2026 in Europa und mögliche Auswirkungen eines starken El Niño auf Wachstum und Inflation im Jahr 2027.
„Hitze ist ein vielfach unterschätztes Risiko“, sagt Frank Sommerfeld, CEO der Allianz Versicherungs-AG. „Sie belastet Menschen, Infrastruktur und Wirtschaft gleichermaßen und verschärft viele bestehende Gefahren wie Dürre, Waldbrände und Extremwetter.“
Die Studie zeigt, dass gerade Extremwetter zunehmend zu einer wirtschaftlichen Belastungsprobe wird. In den vergangenen fünf Jahren lagen die wirtschaftlichen Schäden in Deutschland insgesamt bei rund 50 Mrd. EUR und damit im Jahresdurchschnitt knapp doppelt so hoch wie in den Jahren 2000 bis 2019. Damit sind die Schäden hierzulande deutlich schneller gestiegen als im globalen Maßstab (+54%). Die versicherten Schäden stiegen im gleichen Vergleich um 80% (weltweit: 76 %) auf jährlich knapp 17 Mrd. EUR. Damit waren in diesem Zeitraum nur 33,5 % (weltweit: 32,8%) der wirtschaftlichen Schäden versichert.
„Die Allianz Studie macht deutlich: Deutschland ist von klimabedingten Schäden besonders stark betroffen. Um die Risiken zu begrenzen, müssen die Treibhausgasemissionen deutlich sinken und die Maßnahmen zur Anpassung an zunehmende Hitze konsequent vorangetrieben werden“, sagt Sommerfeld.
Hitze verursacht in Deutschland zweithöchsten absoluten Wirtschaftsverlust in Europa
Gerade auf Hitze ist Deutschland aktuell noch nicht ausreichend vorbereitet. Entsprechend sind die Auswirkungen hierzulande ein größerer Wirtschaftsfaktor als in vielen anderen europäischen Ländern.
„Allein die Hitzewellen des Sommers 2026 dürften die deutsche Wirtschaftsleistung um insgesamt rund 25 Mrd. Euro schmälern”, sagt Milo Bogaerts, CEO von Allianz Trade in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Damit verzeichnet Deutschland nach Italien mit 28 Mrd. Euro den zweithöchsten absoluten hitzebedingten Wirtschaftsverlust unter den 30 untersuchten europäischen Ländern, noch vor Frankreich mit 20 Mrd. Euro. Insgesamt summieren sich die geschätzten Verluste in Europa auf 113 Mrd. Euro .“
Die Einbußen entstehen vor allem durch eine hitzebedingte geringere Arbeitsproduktivität, längere Pausen und Fehlzeiten sowie nur teilweise Zugang zu Kühlung. Daraus resultieren Produktionsausfälle sowie eine geringere Wertschöpfung, die zu Einbußen beim BIP führen.
2027 droht mit El Niño der nächste teure Belastungstest
Während die Hitzewellen in Europa für 2026 überstanden sind, wirft das nächste Klimaphänomen bereits seine Schatten voraus: 2027 drohen weitere wirtschaftliche Risiken durch den sehr starken El Niño.
„El Niño mag geografisch weiter entfernt sein als eine Hitzewelle im europäischen Sommer – tatsächlich sind die wirtschaftlichen Folgen aber auch in Europa spürbar, sowohl bei der Wirtschaftsleistung als auch durch eine möglicherweise steigende Lebensmittelinflation“, sagt Bogaerts.
Die Studie berechnet in einem Szenario auf Basis der Temperaturwirkungen des starken El Niño 2023/2024 die Auswirkungen auf 144 Volkswirtschaften :
„Unter dem Strich könnte El Niño die untersuchten Volkswirtschaften 2027 rund 392 Mrd. EUR (451 Mrd. US-Dollar) Wirtschaftsleistung kosten“, sagt Hazem Krichene, Senior Klimaökonom bei der Allianz. „China, die USA und Indien würden zusammen fast 60 % der Bruttoverluste tragen.“
Aber auch an Europa ginge dies nicht spurlos vorbei: Den 27 EU-Staaten droht ein möglicher Nettoverlust bei der Wirtschaftsleistung von rund 21 Mrd. EUR ( 24 Mrd. US-Dollar; 0,09 % des BIP). Deutschland könnte rund 5,5 Mrd. EUR (6,3 Mrd. US-Dollar Wirtschaftsleistung; ca. 0,1 % des BIP) verlieren. Gleichzeitig könnte die deutsche Inflationsrate um 0,13 Prozentpunkte (pp), die Nahrungsmittelinflation um 0,21pp höher ausfallen. EU-weit liegen die geschätzten Effekte bei +0,31pp für die Gesamtinflation und +0,5pp für Nahrungsmittelpreise.
Temperatur-Ranking: Nord- und Osteuropa erwärmt sich besonders stark
„Wirtschaftliche Schäden durch den Klimawandel dürften uns auch in den kommenden Jahren begleiten, denn gerade Nord- und Osteuropa haben sich im Temperatur-Ranking der vergangenen Jahrzehnte besonders stark nach oben bewegt“, sagt Krichene.
Norwegen weist 2025 unter den betrachteten Schwerpunktländern mit +3,74°C gegenüber der historischen Referenz (1950 - 1970) den höchsten Temperaturanstieg auf und rangiert weltweit auf Platz drei. Auch die Schweiz, Schweden, Estland, Finnland und die Slowakei liegen mehr als 2,6°C über ihrem historischen Niveau.. Deutschland liegt bei der Entwicklung der Temperatur-Veränderung im oberen Mittelfeld der betrachteten Länder.
Erstmals betrachtet die Studie mit dem Climate Change Score (CCS) und dem Climate Stress Score (CSS) zwei unterschiedliche Dimensionen des Klimarisikos. Während der CCS misst, wie stark sich die klimatischen Bedingungen gegenüber 1950 bis 1970 verändert haben, bildet der CSS die aktuelle Belastung durch Hitze, Dürre und Starkniederschläge ab. Besonders hoch ist die kombinierte Belastung unter anderem in Nigeria, den Philippinen, Malaysia, Brasilien, Côte d’Ivoire, Marokko und der Türkei. Deutschland liegt bei beiden Indikatoren vergleichsweise niedrig, auf Rang 132 beim Climate Change Score und Rang 134 beim Climate Stress Score unter 175 untersuchten Ländern und Gebieten.
Extremwetter: Deutschland langfristig im Mittelfeld, 2025 vergleichsweise glimpflich
Auch bei den direkten ökonomischen Schäden durch Extremwetter zeigt sich ein stark differenziertes Bild. Kleine Volkswirtschaften können durch einzelne Katastrophen einen erheblichen Teil ihrer Wirtschaftsleistung verlieren. 2025 entsprachen die Schäden in Jamaika 39,4 % des BIP, in Südsudan 5, 2 %, in Sri Lanka 4,1 % und in Thailand 2,9 %.
Deutschland kam 2025 vergleichsweise glimpflich davon: In der zugrunde liegenden Datenbank wurde für Deutschland 2025 kein entsprechendes Extremwetterereignis mit ökonomischen Schäden erfasst. Im langjährigen Durchschnitt seit 2000 verzeichnet Deutschland jährlich hingegen knapp sechs erfasste Extremwetterereignisse, die durchschnittlich rund 0,1% des BIP pro Jahr an Schäden verursachen. Damit liegt Deutschland international im Mittelfeld (Platz 137 von insgesamt 227 Ländern).
„Ein ruhigeres Jahr wie 2025 ist eine kurze Verschnaufpause, aber keine dauerhafte Entwarnung“, sagt Krichene. „Der Hitze-Sommer 2026 zeigt, wie schnell sich das Blatt wenden kann. Entscheidend ist deshalb, rechtzeitig in Anpassung und Vorsorge zu investieren. Dauerhafte Prävention, vorausschauende Finanzierung und klare Verantwortlichkeiten sind wirtschaftlich sinnvoller als immer höhere Ausgaben für die Reparatur bereits eingetretener Schäden.“
Prävention schlägt Reparatur
Der internationale Vergleich zeigt: Länder mit etablierten Frühwarnsystemen, Risikokarten, vorausschauender Finanzierung und klaren Zuständigkeiten sind besser auf Klimarisiken vorbereitet als Staaten, die vor allem nach einer Katastrophe reagieren. So investiert Marokko bereits seit 2016 mit Unterstützung der Weltbank in Frühwarnsysteme und Risikokartierung. Auch Europa verstärkt seine Vorsorge, unter anderem mit einer Fazilität der Europäischen Investment Bank (EIB) von 15 Mrd. Euro für Wasser-Resilienz von 2025 bis 2027. Dennoch bleibt die Anpassung vielerorts lückenhaft. Entscheidend ist daher der Wechsel vom Krisenmanagement zur Prävention: Investitionen vor einer Katastrophe stärken die wirtschaftliche Resilienz und können künftige Schäden begrenzen.
Die vollständige Studie (ENG, pdf) finden Sie beigefügt und hier: