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Frankreich nach der Wahl: Die Musik abschalten, um die Glocken läuten zu hören

Nach einem Wahlkampf, der von den Themen schwindende Kaufkraft und steigende Energiepreise dominiert wurde, ist es nun Zeit für einen wirtschaftlichen Realitätscheck in Frankreich. In den ersten 100 Tagen von Macrons zweiter Amtszeit muss ein Fahrplan aufgestellt werden, um drei dringend reformbedürftige Probleme anzugehen:

1. Frankreichs verschlechterte Haushaltslage und die wachsende Staatsverschuldung. Da die EZB die Weichen für eine straffere Geldpolitik stellt, schätzen wir, dass eine Erhöhung des Leitzinses um 100 Basispunkte die Schuldendienstkosten Frankreichs über 10 Jahre um mehr als 30 Mrd. EUR (1,5 % des BIP) erhöhen würde. In diesem Zusammenhang muss die Rentenreform rasch wieder auf den Tisch kommen: Wir schätzen, dass eine Anhebung des Renteneintrittsalters um zwei Jahre die öffentlichen Rentenausgaben um fast 2 % des BIP pro Jahr, d. h. um etwa 40 Mrd. EUR, senken könnte, was zur Förderung eines nachhaltigen Wachstums und zur Beschleunigung des grünen Übergangs genutzt werden könnte.

2. Rekordhohe Unternehmensverschuldung bei gleichzeitig überdurchschnittlicher Sparquote der privaten Haushalte. Wir schätzen, dass die Gewinnspannen der nichtfinanziellen Unternehmen im Durchschnitt um +1,5 Prozentpunkte steigen müssen, um den verbleibenden Anstieg der Unternehmensverschuldung im Verhältnis zum BIP um +8,7 Prozentpunkte seit dem Ausbruch von Covid-19 aufzufangen. Allerdings dürften die Margen bis Mitte 2023 um -2,3 Prozentpunkte sinken. Gleichzeitig verfügen die französischen Haushalte im Vergleich zu den Zeiten vor der Covid über einen Bargeldüberschuss von fast 250 Mrd. EUR, der zunehmend in langfristige Investitionen (Dekarbonisierung, Digitalisierung, produktive Investitionen der Unternehmen) und nicht in den Wohnungsmarkt fließen sollte.

3. Zunehmende außenwirtschaftliche Ungleichgewichte angesichts eines sich ausweitenden Handelsdefizits und einer wachsenden Abhängigkeit von Finanzierungen aus dem Rest der Welt. Frankreich schneidet bei den Exporten deutlich schlechter ab als seine Konkurrenten in der Eurozone und ist in hohem Maße von Unterbrechungen und Engpässen in der Lieferkette betroffen. Der Krieg in der Ukraine hat deutlich gemacht, dass es dringend notwendig ist, Energieunabhängigkeit zu erreichen, die Entwicklung nicht-fossiler Energiequellen zu beschleunigen und die sektorale Spezialisierung zu überdenken. Frankreichs Energiedefizit könnte im Jahr 2022 75 Mrd. EUR oder 2,9 % des BIP erreichen (gegenüber 1,9 % des BIP im Jahr 2019). Vor diesem Hintergrund benötigt Frankreich einen klaren Fahrplan zur Überarbeitung seiner Industriepolitik und zur Steigerung seiner Produktionskapazitäten durch eine stärkere Nutzung digitaler Technologien, automatisierter Fertigungs- und Bearbeitungsprozesse und sauberer Energiequellen.