Vom klugen Kuckuck lernen

Unsere Welt dreht sich immer schneller. Das ist natürlich Blödsinn, denn die Gesetze der Erdrotation  sind noch immer dieselben. Der Eindruck ist aber dennoch nicht falsch, denn Fakt ist: Unser Leben verändert sich rasant. Haupttreiber der enormen Veränderungsgeschwindigkeit sind der technologische Fortschritt, gepaart mit dem Trio Globalisierung, Digitalisierung und Individualisierung.


Heute sind die Wege rund um den Globus kurz. Wettbewerber kommen von überall her. Automatisierung ersetzt ganze Prozessketten. Der Innovationsdruck sorgt für kürzere Produktzyklen. Kunden kommunizieren in Echtzeit über zig digitale Kanäle, sie sind vernetzt, informiert und anspruchsvoller denn je.

Vorbei sind die Zeiten, in denen Unternehmer ihre Geschäftsziele in Drei-, Fünf- oder gar Zehnjahresplänen formulierten und in denen die Vertriebsmannschaft nach festen Vorgaben immer mal wieder bei ihren loyalen Stammkunden vorbeiguckte. Sowieso vorbei die Ära, als sich Zielgruppen noch pieksauber definieren ließen, sich also zum Beispiel Business-to-Business-Kunden genauso verhielten, wie man es von Business-to-Business-Kunden erwartete. Heute ist die Trennung zwischen B2B und B2C weitgehend aufgehoben, die Zielgruppen sind extrem fragmentiert. Statt Massenware sind hoch individuelle Einzellösungen gefragt. Jeder Kunde ist seine eigene Zielgruppe.

Vorbei ist auch die Gewissheit, dass das eigene Produktportfolio gut ist, wie es ist – und zwar in absehbarer Zukunft noch. Und ebenfalls verloren ist das sichere Gefühl, dass man mit einmal erlerntem Wissen die Karriereleiter verlässlich hochklettern wird. Vorbei die Zeiten starrer Hierarchien und gehüteten Herrschaftswissens.

STARRE SYSTEME HABEN AUSGEDIENT
Werfen Sie allein mal einen Blick auf den Fußball: Früher war Fußball ein Spiel mit einem starren System: Der Libero, der Mittelfelddirigent und der Mittelstürmer bildeten eine Achse. Flankiert wurden sie von Manndeckern und Wasserträgern, die dem Mittelfelddirigenten die Bälle zutrugen, sowie den Links- und Rechtsaußen. Die Trainer verfolgten in der Regel eine Taktik, die sie über 90 Minuten nicht änderten.

Liberos gibt es nicht mehr. Kein Trainer lässt noch in Manndeckung spielen und der Mittelfelddirigent wurde durch eine Raute oder Doppelraute ersetzt. Der Mittelstürmer ist ebenfalls ausgestorben. Warum? Weil die starren und sehr strikt definierten Positionen schnell schadlos gemacht werden konnten. Der Gegner wusste halt immer, wer wohin läuft.
Heute besetzt ein Stürmer flexibel immer wieder neue Räume, um von dort eine Chance zum Torschuss zu bekommen. Manche Trainer stellen teilweise mehrmals im Spiel ihr System um, wechseln von 4-3-3 auf 3-4-3 und dann wieder auf 5-4-1. Die Trainer kaufen auch nicht einfach die besten Spieler ein, die sie bekommen können, sondern genau die Spieler, die am besten in ihr bevorzugtes Spielsystem passen.

BLOSS NICHT ALLES ÜBER BORD WERFEN
Laut Organisationsexperten leben wir in einer VUCA-Welt. VUCA ist das Akronym für die englischen Begriffe Volatility, Uncertainty, Complexity und Ambiguity. Wir haben es also mit Unbeständigkeit, Unsicherheit, Komplexität und Mehrdeutigkeit zu tun. Aus diesem Grund ist Flexibilität das Gebot der Stunde. Schnell zu reagieren, agil zu handeln, veränderungsbereit, offen, lern- und anpassungsfähig zu sein – das sind heute geradezu existenziell wichtige Fähigkeiten für eine erfolgreiche und marktorientierte Unternehmensführung.
Nun ist das mit der Flexibilität so eine Sache. Flexibel zu sein heißt nicht: sämtliches Erfahrungswissen über Bord zu werfen, seine Werte zu verraten, Trends hinterherzulaufen und aktionistisch zu handeln. Ein biegsamer Rücken ist super, ein gebrochenes Rückgrat nicht.

LANGWEILIG WIRD‘S NICHT MEHR
Schon Charles Darwin betont in seinem Verdikt vom „Survival of the fittest“, dass nicht diejenige Spezies überlebt, die sich mit Gewalt gegen die Konkurrenz durchsetzt, sondern diejenige, die am anpassungsfähigsten – und somit flexibel – ist. Dazu gibt es ein aktuelles Beispiel aus der Tierwelt: Der Kuckuck, der seine Eier ja bekanntlich in fremde Nester legt, um sie dort ausbrüten zu lassen, hat seit einigen Jahren ein veritables Existenzproblem: Weil es bei uns im Frühling immer früher warm wird, brüten die Vögel mittlerweile ebenfalls früher im Jahr. Der Kuckuck, ein Zugvogel, verfolgt aber weiterhin seinen jahrhundertelang bewährten Reiseplan und trifft deshalb häufig zu spät in Nordeuropa ein. Es gelingt ihm nicht mehr, sein Kuckucksei unterzubringen. Das eigentlich schlaue System wird damit ein erfolgloses System. Besteht nun der Kuckuck auf seinem Timing, ist seine Art über kurz oder lang gefährdet. Erste Vogelkundler melden indes: Mancher Kuckuck – und das wäre nach evolutionsgeschichtlichen Maßstäben erstaunlich schnell – hat aus dem Desaster gelernt und fliegt nun früher aus Afrika zurück, damit sein Ei wieder neben anderen Eiern liegt. Damit beweisen erste Exemplare dieser Spezies eine Flexibilität, die arterhaltend sein könnte.

Flexibilität sorgt nicht nur in der Wirtschafts- wie Vogelwelt dafür, dass die Existenz langfristig erhalten bleibt – sie macht auch mehr Spaß als das ewige „Das haben wir immer schon so gemacht“. Sehen Sie sich doch einmal eine Fußballübertragung aus den 70er Jahren an: Sie werden sich vermutlich ein bisschen langweilen.

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